5 Thesen zur Diskussion um eine gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik

Anlässlich der WI2015, der 12. Internationalen Tagung Wirtschaftsinformatik in Osnabrück, stellte Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer seine Thesen zur Positionierung der Wirtschaftsinformatik  vor:

Bei der Frage, ob die Wirtschaftsinformatik mehr eine gestaltende Rolle oder eine beobachtende, analysierende und bewertende Sicht des Einsatzes der ITK in Unternehmen einnehmen soll, stehe ich eindeutig auf der Seite einer gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik. Diesen Ansatz habe ich von Beginn meiner Professorenlaufbahn in 1975 verfolgt. Da an einem Forschungsinstitut keine professionell einsetzbaren (Software-) Produkte entwickelt werden können, sondern höchstens Ideen dazu und Prototypen, habe ich 1984 das Software- und Beratungsunternehmen IDS Scheer AG gegründet. Dieses habe ich zu einer Größe von 3300 Mitarbeitern und einer Präsenz in rund 50 Ländern aufgebaut, einen erfolgreichen Börsengang 1999 absolviert und 2009 an die Software AG verkauft. Der größte Erfolg war sicher die Entwicklung des Softwaresystems ARIS, das weltweit insbesondere von Großunternehmen zur Optimierung ihrer Geschäftsprozesse eingesetzt wird. Dieses basiert auf dem von mir als Forschungsergebnis entwickelten ARIS-Konzept. Meine Universitätsfunktion als Leiter des Instituts für Wirtschaftsinformatik an der Universität Saarbrücken habe ich bis zur Emeritierung 2006 parallel beibehalten. Meine Ausführungen basieren deshalb auf den Erfahrungen als Forscher und Unternehmer in der IKT-Industrie.

 

  1. These: Voraussetzung für einen gestaltungsorientierten Forscher und Lehrer ist, dass er über praxisrelevantes Wissen verfügt.

 

Dieser eigentlich selbstverständliche Satz enthält bei näherem Hinsehen schon seine Herausforderungen, da der Forscher erkennen muss, welches Wissen praxisrelevant ist und welches nicht.

Hierzu braucht der Forscher Einsicht in praktische Unternehmensstrategien und Zusammenhänge zwischen der ITK-Entwicklung und ihrem Einfluss auf Unternehmensprozesse. Hierbei können sich die Perspektiven von Theorie und Praxis weit unterscheiden.

Vor wenigen Wochen hat mir ein befreundeter Wissenschaftler, der sich seit 35 Jahren mit s
Scheduling-Problemen beschäftigt hatte, enttäuscht gestanden, dass er sein ganzes Forschungsleben falsch fokussiert habe. Er wollte Shopfloor-Probleme optimieren und hatte auch ständig den Kontakt zur Praxis gesucht. Endlich musste er feststellen, dass es für die Praxis wichtiger ist, eine Fabrik organisatorisch durch ERP (Enterprise Resource Planning)- und MES (Manufacturing Execution System)-Software zu steuern, als mit großem  Aufwand ausgeklügelte Optimierungsalgorithmen anzuwenden, deren Ergebnisse zeitlich schnell überholt und nicht professionell betreut werden. Hier klafften Wunsch und Wirklichkeit auseinander.

Der alleinige Praxiskontakt reicht also nicht aus, sondern es muss die Bereitschaft vorhanden sein, die wesentlichen Probleme der Praxis aufzunehmen und sein Forschungsgebiet darauf auszurichten. Der Forscher hätte sich also eher mit der konzeptionellen Weiterentwicklung von MES-Systemen beschäftigen sollen und dort (evtl. vereinfachte) Optimierungsansätze einzubringen versuchen, als sich isoliert nur mit Algorithmen zu beschäftigen und zu glauben, dass seine theoretischen Beispiele bereits überzeugen würden. Nach seiner Emeritierung beschäftigt sich der Kollege nun mit der Optimierung von Aktienportfolios.

 

  1. These: Zur Gestaltung ist die Zusammenarbeit mit ITK- Unternehmen erforderlich.

 

Der Spruch „software eats the world“ macht es überdeutlich. Software regiert die Welt und insbesondere auch die Geschäftsprozesse in Unternehmungen. Hat also ein Forscher eine neue Idee zur Verbesserung von Entscheidungen oder Geschäftsprozessen entwickelt und möchte, dass diese auch praktisch eingesetzt wird, so muss sie Eingang in ein Softwareprodukt finden. Hierzu kann er versuchen,  bestehende Softwareanbieter zu überzeugen, seine Idee in ein nächstes Release ihrer Software aufzunehmen. Dazu muss zunächst ein kompetenter Ansprechpartner beim Softwareunternehmen gefunden werden; dieses ist bereits eine nicht einfache Aufgabe. Der schwierigste Teil ist aber, ihn von dem Nutzen der Idee zu überzeugen und die Bereitschaft zu wecken, entsprechende Investitionen zu genehmigen. In der Regel besteht bei Softwarehäusern bereits eine Warteschlange von Entwicklungswünschen interner Entwickler sowie von bestehenden Kunden, denen eine höhere Priorität vor neuen Forschungsideen gegeben wird.

Auch bei meiner ARIS-Entwicklung hatte ich zunächst mein Konzept bestehenden Softwareunternehmen zur Realisierung angeboten und bin abgewiesen worden. Sie konnten den Kundennutzen nicht abschätzen und das Investitionsrisiko war ihnen zu groß. Da ich aber von meiner Idee überzeugt war, habe ich die Software an meinem eigenen Startup-Unternehmen IDS Scheer AG erfolgreich entwickelt.

Beide Wege, die Überzeugung eines bestehenden Softwareunternehmens und die Gründung eines Startup-Unternehmens sind schwierig, aber unerlässlich, um eine Idee praktisch umzusetzen. Dabei braucht der Forscher das Startup-Unternehmen nicht alleine zu gründen, sondern kann Doktoranden oder Studenten begeistern, dieses mit ihm gemeinsam zu tun. Hilfreich ist auf jeden Fall, wenn er seinen Namen für das Unternehmen einsetzt. Ist dann das Produkt fertig, kann leichter eine Partnerschaft zu einem etablierten Softwarehaus aufgebaut werden, da nun Investitionsentscheidungen entfallen.

Ist der Kontakt zu einem großen Softwarehaus gelungen, so bieten sich dem Forscher vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten. Wenn er auf internationalen Veranstaltungen des Unternehmens auftritt, öffnet er einen neuen Kommunikationskanal zu Anwendern, der ihm in der wissenschaftlichen Publikationswelt nicht offen steht.

Ich konnte z. B. Anfang der 90er Jahre meine ARIS-Ideen auf Veranstaltungen der SAP in aller Welt vortragen. Da die internationalen Wissenschaftler der Wirtschaftsinformatik den Erfolg der ERP-Systeme verkannt hatten, hatte ich ein USP. Die Betriebswirtschaftslehre und auch die Wirtschaftsinformatik beschäftigte sich damals mehr mit Entscheidungsproblemen und hatte die Bedeutung unternehmensweit integrierter Anwendungssoftware und die  Standardisierung von Geschäftsprozessen durch ERP-Systeme nicht erkannt. In den USA wurde z. B. der Erfolg der SAP-Software von den Business Schools mit Unverständnis wahrgenommen. Da aber Unternehmen auf die Ausbildung der Studenten in ERP-Systemen drängten, mussten die akademischen Lehrer dringend das Wissen aufbauen. So wurde ich häufiger Gastredner an US- Universitäten.

 

  1. Gestalten durch anwendungsrelevante Lehre ist noch wichtiger als durch anwendungsnahe Forschung.

 

Zur Umsetzung von Forschungsideen in erfolgreiche Software gehören relevante Forschungsergebnisse, Glück, Überzeugungskraft und unternehmerischer Mut. Dieses sind in der Kombination seltene Eigenschaften. Eine umso wichtigere Gestaltungsmöglichkeit ist deshalb die Lehre. Hier gilt es, den Studenten neben dem notwendigen Grundlagenwissen solche Fähigkeiten zu vermitteln, dass sie die Lerninhalte bei ihren beruflichen Tätigkeiten einsetzen können. Hier ist eine gewisse Kritik an der gegenwärtigen Mode einer empirischen Forschung in der Wirtschaftsinformatik angebracht. Sollen Forschung und Lehre immer noch einen Bezug haben, so ist zu hinterfragen, welches Wissen über empirische statistische Verfahren bei einem zukünftigen IT-Manager benötigt wird. Auch die filigranen empirischen Ergebnisse über das Verhalten von IT-Benutzern mag ganz interessant sein, wird einem IT- Manager im praktischen Einsatz wenig helfen. Deshalb ist Wissen über Anwendungsarchitekturen, Datenbanksysteme, neue Geschäftsmodelle usw. wichtiger. Auch wäre z. B. die Ausbildung an praktischen SAP-Systemen für den späteren Beruf hilfreicher. Dieses haben inzwischen auch viele akademische Lehrer erkannt und nehmen das Angebot von Softwareanbietern zum kostenlosen Einsatz der Produkte in der Lehre gerne entgegen. Hier hat der akademische Lehrer auch viele Möglichkeiten, Verbesserungsvorschläge der Software mit den Studenten zu diskutieren und damit diese Ideen später von den Absolventen weiter zu tragen.

 

  1. Forschung ist nie frei, sondern ein Forscher muss die Wege zur Beeinflussung von Forschungsrichtungen erkennen und nutzen.

 

Forscher werden bei Prüfungen, Berufungen, Forschungsanträgen, Publikationseinreichungen usw. von Gutachtern bewertet. Diese Gutachter besitzen ihre eigenen Wertmaßstäbe und wenden diese in der Regel auf die Kandidaten an. Deshalb unterliegt ein Forscher auch der Versuchung, sich bei seinen Bewerbungen dem Mainstream der Forschung zu beugen. Werden Veröffentlichungen in sogenannten hoch anerkannten Zeitschriften hoch bewertet, so werden Forscher im Interesse ihrer Karriereentwicklung solche Forschungsthemen und -methoden anwenden, von denen sie meinen, dass sie im Mainstream der Forschungsrichtung dieser Gutachter liegen.

Will ein Forscher diese Richtungen ändern, weil sie nicht mit seiner Wissenschaftsrichtung übereinstimmen, so kann er sie ignorieren und damit auf eine Akzeptanz seiner Arbeiten verzichten, oder versuchen sie zu beeinflussen. Dazu  muss er  erhebliche Anstrengungen unternehmen um entsprechende Gremienarbeit zu betreiben. Dieses heißt konkret, dass er selbst Gutachter, Herausgeber, Politikberater für Forschungsprogramme usw. werden muss. Dieses ist mit einem hohen zeitlichen und auch finanziellen Aufwand verbunden.

 

  1. Jeder Forscher muss seinen eigenen Weg finden.

 

Etablierte Forscher können leicht idealistische Wertvorstellungen verkünden und junge Forscher zur unabhängigen Suche ihres Forschungsweges raten.  Diese sehen sich aber  bei ihren Bewerbungsverfahren dem bestehenden Mainstream gegenüber, der abweichende Arbeitsweisen negativer bewertet. Was soll also ein junger Forscher tun?

Er könnte sich zur Erreichung eines Karriereschrittes, etwa der Besetzung einer Professur, zunächst dem Mainstream anpassen, um dann nach Erreichen größerer (auch finanzieller) Unabhängigkeit, seine eigentlichen Interessen zu verfolgen. Eine andere Möglichkeit besteht darin, zunächst die Forschungslaufbahn auszuschlagen, sich durch unternehmerische Innovationen (Gründung eines Startup-Unternehmens) oder einflussreiche Managertätigkeiten einen auch in der Forschungslandschaft akzeptierten Status zu verschaffen und dann in die akademische Welt zurückkehren. Ein dritter Weg besteht darin, sich in der ganzen Welt nach Möglichkeiten umzusehen, um eine Forschungsstätte zu finden, die den eigenen Vorstellungen entspricht.

Eine gute Entscheidungshilfe kann dabei der Lebensweg von Albert Einstein sein, der zunächst von der ETH Zürich als Professor nicht eingestellt wurde, dann stattdessen ein mittlerer Angestellter im Patentamt in Bern wurde, dort seinen eigenständigen Forschungen nachging und nach deren weltweitem Erfolg mit Berufungsangeboten etablierter Universitäten überschüttet wurde. Albert Einstein war auch dem Gestaltungsansatz gegenüber aufgeschlossen. So besaß er z. B. ein Patent für einen Kreiselkompass. Schließlich haben seine Forschungen unser aller Leben verändert.

 

12. Internationale Tagung Wirtschaftsinformatik (WI 2015): https://www.wi2015.de

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