„Kooperationen von Giganten zeigen den Weg!“

Ein Kommentar von Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer zur Verschmelzung von Produkten und Dienstleistungen

Klassische Industrieunternehmen aus dem Automobil- und  Maschinenbau sind stolz auf ihre materiellen Produkte. Man kann sie anfassen, man kann ihre Größe bewundern und ihre raffinierte Technologie. Zu dem Thema Dienstleistungen haben solche Unternehmen eher ein herabschätzendes Verhältnis. Dieses ist mir aus meiner Zeit als Vizepräsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, BDI, noch gut bekannt. Dabei entwickeln sich Industrieunternehmen aber immer mehr zu Dienstleistungsunternehmen. Das ist nicht neu. Viele Techniken, bei denen jeder Betreiber zunächst seine eigenen materiellen Ressourcen aufbauen musste, sind inzwischen zu Dienstleistungen geworden: Vor 150 Jahren  hatte jedes Haus seinen eigenen Brunnen, der von dem einzelnen Hauseigentümer angelegt und gepflegt werden musste, heute bekommen wir Wasser als Dienstleistung aus dem Wasserhahn und rechnen es nach dem Verbrauch ab. Das Gleiche gilt für die Energieversorgung. Vor 150 Jahren hatten viele Unternehmen ihre eigene Energieerzeugung, heute bekommt man den Strom aus der Steckdose. Treiber für solche Entwicklungen ist vor allem die Kostendegression, also die economies of scale. Nicht jeder soll für sich sorgen, sondern es entstehen große Unternehmen, die für den Gesamtmarkt produzieren und damit große Kostenvorteile in Anspruch nehmen. Wahrscheinlich ist unsere Generation auch noch die letzte, die weiß, wie ein Computer aussieht. Die nächste wird die Computerleistung aus der Cloud bekommen und keine eigenen Server oder Speichermedien mehr selbst betreiben.

Materielle Produkte werden also als Services angeboten. Inzwischen verstehen sich auch deshalb Automobilunternehmen zunehmend als Dienstleister für Mobilität und gründen Tochtergesellschaften, in denen die von ihnen hergestellten Produkte betreut, gewartet und betrieben werden, um dann über car-sharing den Benutzern zur Verfügung gestellt zu werden. Ein Stichwort wie BOO – build, own, operate – verdeutlicht das. Die Hersteller verkaufen nicht mehr ihre Produkte an Kunden, sondern sie betreiben sie selbst und behalten sie im Eigentum. Hersteller von großen medizinischen Geräten können eigene Untersuchungsstationen betreiben und damit direkt die Untersuchungsleistungen den Patienten anbieten. Früher haben sie Ihre Geräte an Krankenhäuser und Ärztezentren verkauft, nun betreiben sie diese selbst als Dienstleistung.

Das Thema Dienstleistungen ist ein Hype

Neben dieser Entwicklung, nach der sich materielle Produkte auch in Form von Dienstleistungen über den Sharing-Gedanken, also unter Ausnutzung von economies of scale, betreiben lassen, bieten nun neue Technologien zusätzlich Innovationsmöglichkeiten zur Entwicklung absolut neuer Dienstleistungen. So können zum Beispiel im Rahmen des Konzeptes 4.0. Maschinendaten wie Umdrehungen, Toleranzveränderungen oder Energieverbrauch in Echtzeit analysiert und Verhaltensänderungen der Maschinen so frühzeitig erkannt werden, dass Wartungsarbeiten bereits vorbeugend durchgeführt werden können. So vermeidet man größere Schäden durch Maschinenausfall, Zerstörung der produzierten Waren oder Ähnliches. Das Thema Dienstleistungen ist deswegen ein Hype. Viele klassische Industrieunternehmen kaufen zur  Zeit Dienstleistungsunternehmen auf, um sich auf die Verlängerung ihrer Wertschöpfungskette oder auch auf einen ergänzenden Markt vorzubereiten. Teilweise sind die Entwicklungen fast in Form einer kriegsähnlichen Auseinandersetzung zu beobachten. Wer wird das Cockpit im Automobil beherrschen? Werden es die klassischen Automobilunternehmen sein, oder werden es die Dateneigner wie Google sein, die Geo-Daten für Navigationssysteme zur Verfügung stellen? Oder sind es die Hersteller der Zugangssysteme, also der Smartphones, über die die neuen Dienstleistungen aus dem Internet bezogen werden können? Man sieht schon durch Kooperationen der Automobilhersteller mit Unternehmen wie Google oder Apple, dass hier Kooperationen von Giganten geschlossen werden!

Mehr über den Top-Trend „Product Service Innovation“ lesen Sie in der aktuellen IM.
http://www.im-c.de/unternehmen/imc/im-fachmagazin/aktuelle-ausgabe/

nach oben scrollen - Scheer Group

Copyright ©2011 Scheer Group GmbH