16 Tipps für Start-ups in der High-Tech-Industrie
Folge 6

AWS_gartner_138x138_2Je höher das Risiko, das in einer Unternehmensgründung steckt, desto höher sind die Renditeforderungen des potenziellen Geldgebers und desto höher ist seine Forderung auf Einflussnahme und Kontrolle. Besonders problematisch sind reine Finanzinvestoren, die nicht am Business selbst, sondern am reinen Profit interessiert sind. Venture Capital Gesellschaften etwa folgen weitgehend einem Statistikmodell. Sie investieren in eine Reihe von Unternehmen, häufig in mehrere Hundert und gehen davon aus, dass nur ein geringer Prozentsatz wirklich erfolgreich sein wird. Die Erfolgreichen müssen dann die Verluste der anderen tragen. Das ist ein hartes Modell, weil man sich um die Gescheiterten keine Gedanken mehr macht. Aber es gibt vielfältige andere Möglichkeiten der Finanzierung, auch wenn der beste Rat ist, keine Fremdmittel aufzunehmen – auch wenn man sich dabei nach der Decke strecken muss. Lesen Sie dazu mehr in meinem 6. Tipp für Start-ups.

 

6.Tipp: Vorsicht bei Geldgebern

 

Kein professioneller Investor gibt einem Gründer allein wegen seiner schönen Augen Geld, sondern er betrachtet Risiko, Rendite und wie er den Umgang mit seinem Geld kontrollieren kann, also wie er das Unternehmen beeinflussen kann. Diese Zusammen­hänge sind denkbar einfach, werden aber häufig nicht genug beachtet und können zum traumatischen Schreckenserlebnis der Gründer führen.

Je höher das Risiko, desto höher sind die Renditeforderungen des Geldgebers und seine Forderung auf Einflussnahme und Kontrolle. Dieser Grundsatz gilt für alle For­men der Geldeinlage, sei es in Form von Krediten oder Beteiligungen. Deshalb sollen hier auch nicht alle Finanzierungsformen systematisch erörtert werden, die findet man in jedem einführenden betriebswirtschaftlichen Lehrbuch, sondern auf die für alle Formen gültigen, wichtigsten Kriterien zur Beurteilung einer Finanzierung einge­gangen werden.

Zinssatz, Rückzahlung und Sicherheiten sind zentrale Punkte jeder Finanzierungsverein­barung. Bei Krediten sind sie relativ leicht dem Darlehensvertrag zu entnehmen. Trotzdem gilt es aufzupassen, ob nicht versteckte Zahlungen in Form von zusätzlichen Boni für den Kreditgeber, z. B. bei Gewinnerzielung des Unterneh­mens, zu leisten sind. Gerade bei einer stillen Beteiligung, bei der der Kreditgeber nicht als Anteilseigner auftritt, aber sein „Kredit“ den Charakter einer Beteiligung be­sitzt, gibt es solche Zusätze. Staatliche Banken schmücken sich zwar gerne als Wirt­schaftsförderungsinstitutionen mit ihrem „Förderungsattribut“, verlangen aber dann doch auch erhebliche Zinssätze.

Jeder Investor möchte sein eingebrachtes Geld gesichert sehen. Dazu wird der Grün­der genötigt, unabhängig von der geplanten Rechtsform des Unternehmens, sein Privatvermögen einzusetzen. Er muss es verpfänden oder eine Bürgschaft einge­hen. Wenn er dazu nicht in der Lage ist, kann er einen Bürgen suchen, viel­leicht seinen Lebenspartner oder Verwandte. Ich habe schon erlebt, dass ein Lebens­partner aus Unkenntnis oder blauäugigem Vertrauen sein ererbtes Elternhaus für den Partner verpfändet hat und bei späterer Inanspruchnahme aus allen Wolken fiel und das gesamte Vermögen verloren hat, mit entsprechenden Konsequenzen auch für das Partnerverhältnis.

Da auch die Beteiligungsanteile des Gründers zu seinem Vermögen gehören, kann er sie als Sicherheit einbringen. Da sie bei der Gründung nur einen relativ geringen Wert besitzen, kann ihm bei Inanspruchnahme der Pfändung für einen geringen Kreditbe­trag sein Unternehmen weitgehend verloren gehen.

Bei einer Beteiligung des Investors als Gesellschafter brauchen zwar keine Zinsen gezahlt zu werden und auch eine Rückzahlung ist nicht vorgesehen, aber auch hier ist Vorsicht geboten. Vor allem sind die Vereinbarungen über Prioritäten bei der Gewinn­ausschüttung genauestens zu lesen.

Sowohl Banken und stille Gesellschafter sichern sich bei Krediten häufig Prioritäten bei der Bedienung ihrer Kredite im Konkursfall. Aber auch Venture Capital Fonds fordern häufig Prioritäten bei der Gewinnausschüttung und bei der Bedienung im Kon­kursfall oder bei einem Unternehmensverkauf. Dieses kann dazu führen, dass bei einem Verkauf des Unternehmens für den Gründer nichts mehr übrig bleibt, weil die externen Geldgeber bereits den Kaufpreis zur Rückzahlung ihrer Kredite oder ihrer Beteiligung aufgebraucht haben.

Kommen wir zu einem positiveren Punkt. Auch bei Venture Fonds setzt sich die Erkennt­nis durch, dass Geld alleine noch keine Gründung erfolgreich macht. Sie bieten deshalb dem Gründer kontinuierliche Hilfe bei der Überarbeitung seines Business­plans an und verknüpfen das Unternehmen mit einem Netzwerk von branchen­erfahrenen Experten und vermitteln Kundenkontakte. Dieses können in der Tat wirkliche Hilfen sein. Besonders positiv sind Business Angels als Gesellschafter, die neben ihrer Einlage, auch mit Engagement und Erfahrung zur Seite stehen. Gute Ratschläge sind häufig wichtiger als Geld.

Geldgeber wollen wissen, wie die Geschäftsführung mit den Risiken ihres Geldes umgehen. Deshalb beanspruchen sie Sitze im Aufsichtsrat (bei einer AG) oder im Beirat (bei einer GmbH). Dieses ist zunächst ihr gutes Recht, wenn ihre Präsenz auch ihren Gesellschafteranteilen ungefähr entspricht. Häufig verlangen sie aber auch mehr Sitze als ihnen zustehen oder genehmigen sich einen „Berater“, der regel­mäßig an den Sitzungen teilnehmen darf.

Gebräuchlich ist auch, wenn der Investor nicht über entsprechende Quoren (25,1 %; 50,1 % oder 75,1 %) verfügt, dass bei Entscheidungen trotzdem nicht gegen ihn ent­schieden werden kann. Es werden dann sogenannte zustimmungspflichtige Vor­gänge ohne Rücksicht auf die Quoren definiert. Diese Listen können recht detailliert sein und z. B. die Einstellung von Mitarbeitern ab einer gewissen Gehaltshöhe, Mietver­träge, Beteiligungen an anderen Unternehmen usw. umfassen. Leicht kom­men so 10 bis 20 Punkte zusammen. Sie führen zu schwerfälligen Abstimmungsvor­gängen und können die Unternehmensentwicklung hemmen. In letzter Zeit haben auch etablierte Großunternehmen aus der Wirtschaft Venture Fonds aufgelegt. Da dann häufig bürokratische Abläufe aus der Großunternehmenswelt übernommen wer­den, sind solche Gesellschafter dann besonders schwerfällig.

Das Schlimmste sind aber die sogenannten Finanzierungsrunden. Meistens ist es nämlich mit einem einmaligen Kapitalbedarf des Unternehmens bei der Gründung nicht getan, sondern wegen negativer Geschäftsentwicklung oder erhöhtem Wachs­tum wird weiteres Geld benötigt. Manchmal geben Investoren auch nur gerade so viel Kapital, dass das erste Jahr gesichert ist und warten dann schon auf die nächste Finanzierungsrunde. In vielen Fällen wird das Unternehmen so jahrelang von einer Finanzierungsrunde in die nächste geleitet.

Dieses hat häufig desaströse Auswirkungen auf das Verhalten der Geschäftsführung und die Struktur der Anteilseigner.

Um die Investoren zu einer neuen Geldspritze zu bewegen, werden die Unternehmens­präsentationen auf deren Interessen fokussiert. Das Unternehmen wird hauptsächlich durch Finanzzahlen präsentiert. Diese werden natürlich beson­ders vorteilhaft geschmückt. Chancen für große Aufträge werden überzeichnet, ange­dachte Partnerschaften als schon so gut wie besiegelt dargestellt usw. Die Ge­schäftsleitung verbringt einen großen Teil ihrer Zeit mit den Investoren, um die Zah­len zu diskutieren, anstatt sich um das Geschäft zu kümmern. Kurz: Der Fokus wird verkehrt; man konzentriert sich auf Finanzierungsfragen anstatt auf Kun­den und Produktentwicklung. Ich habe erlebt, dass dieses Verhalten sich bis auf Klei­dung, Sprachstil und Auftreten auswirkt. Die Gründer verhalten sich plötzlich wie ge­lackte Finanzjongleure und nicht mehr wie engagierte Unternehmer.

Nach jeder Finanzierungsrunde verschieben sich die Anteile. Finanzierungen werden in der Regel durch Kapitalerhöhungen durchgeführt, bei der jeder Gesellschafter ge­mäß seinem Anteil mitgehen kann, also so viel Geld nachschießen kann, dass sein prozentualer Anteil erhalten bleibt. Hat er aber das Geld nicht, vermehren sich die relativen Anteile der anderen. Da der Gründer in der Regel ja noch kein Geld mit dem Unternehmen verdient hat, kann er bei der Kapitalerhöhung nicht mitgehen. Das führt dazu, dass nach wenigen Runden der Gründer kaum noch Anteile besitzt, er u.  U. sogar Haftungen eingegangen ist und bei der Verteilung des Unternehmens­ge­winns oder dem Unternehmensverkauf nachrangig bedient wird.

Venture Capital Gesellschaften folgen weitgehend einem Statistikmodell. Sie investie­ren in eine Reihe von Unternehmen, häufig in mehrere Hundert und gehen davon aus, dass nur ein geringer Prozentsatz wirklich erfolgreich sein wird. Die Erfolgrei­chen müssen dann die Verluste der anderen tragen. Dieses ist ein sehr har­tes Modell, weil man sich um die Gescheiterten keine Gedanken mehr macht. Die Gründer der gescheiterten Unternehmen haben dann zwar etwas fürs Leben gelernt, aber auch einen nachhaltigen Dämpfer ihrer Begeisterungsfähigkeit erfahren. Das ist den Investoren ziemlich egal. Ich habe jedenfalls noch keinen mitfühlenden Finanz­hai im Gründerbecken kennengelernt.

Kann man sich als Gründer vor diesen Gefahren schützen?

Zunächst darf man sich nicht von den sofort in Aussicht gestellten, hohen Beträgen der interessierten Investoren blenden lassen. Die z. B. in Aussicht gestellten 300.000  Euro sind zwar ein hoher Betrag, aber auch wieder nicht so viel, dass er nicht inner­halb des ersten Jahres leicht verbraucht werden kann. Der Gründer sieht diese „Kredit­würdigkeit“ als Anerkennung seiner Gründungsidee an, fühlt sich geschmei­chelt und ist geneigt, über die Konsequenzen und das Kleingedruckte hinwegzuse­hen. Vor dieser Verblendung hilft der kühle Kopf eines guten Beraters.

Wichtig ist, dass Vertragsentwürfe sorgfältig gelesen und analysiert werden. Die Geldge­ber legen zunächst ihren Standardvertrag vor, der alle für sie günstigen Rege­lungen enthält. Hier muss der Gründer seine Gegenvorschläge in die Verhandlung einbringen. Dazu braucht er gute Argumentationsunterstützung. Gute Rechtsanwälte sind teuer, aber am Ende doch ihr Geld wert. Gerade bei Verhandlungen über Kapitalbe­teiligungen sind auf „Merger and Acquisition (M&A)“ spezialisierte Anwaltskanz­leien zu empfehlen. Je erfahrener ein Anwalt ist, umso schneller weiß er, wo der Vertragspartner zu weit gegangen ist und man ganze Passagen aus dem Vertrag streichen kann.

Der beste Rat ist aber, keine Fremdmittel aufzunehmen und so schnell wie möglich Gewinn zu erzielen, damit kein weiterer Kapitalbedarf entsteht. Das heißt, dass man sich nach der Decke strecken muss. Man muss dann auf überstürztes Wachstum verzichten, sondern kann nur so schnell wachsen, wie es die Kapitaldecke zulässt. So habe ich es mit der von mir gegründeten IDS Scheer gehalten und so hält es z. B. auch die SAP AG.

Trotzdem gibt es auch Beispiele, bei denen nach mehreren Finanzierungsrunden mit der Verwässerung der Anteile die Gründer mehr als reich geworden sind. Dieses gilt z. B. für Unternehmen wie Google oder Facebook. Hier hat dann der riesige Unterneh­menswert auch bei einem kleinen Anteilsprozentsatz noch zu einem großen Vermögenswert geführt. Bei diesen Beispielen waren die Investoren auch im wesentli­chen Business Angels, die ihr Vermögen in der IT-Branche erwirtschaftet hatten und den Unternehmen mit Rat und Tat helfen konnten. In den USA ist die Investiti­onssumme von Business Angels höher als die von Venture Capital Gesellschaf­ten.

 

Lesen Sie hier mehr zum 7. Tipp: Kosten minimieren

Lesen Sie hier mehr zum 8. Tipp: Partnerschaft: Der Partner schafft

Lesen Sie hier mehr zum 9. Tipp: Den Hunger der Medien nach neuen Stories nutzen

Lesen Sie hier mehr zum 10. Tipp: Was man noch nicht weiß, muss man lernen

Lesen Sie hier mehr zum 11. Tipp: Fast Fail

Lesen Sie hier mehr zum 12. Tipp: Wer nicht wächst, stirbt.

Lesen Sie hier mehr zum 13. Tipp: Streitigkeiten schlichten

 

Folge 1, 2, 3, 4 und 5 verpasst? Ausführungen zur Zauberformel für Unternehmensgründer, wie man eine Gründungsidee findet, wie das Gründerteam aufgestellt sein sollte oder auch dazu, dass der Businessplan nur eine Fingerübung ist und wie man den ersten Kunden findet lesen Sie hier

1. Tipp: Die Zauberformel.

2. Tipp: Wie findet man eine Gründungsidee?

3. Tipp: Nobody is perfect but a team can be perfect

4. Tipp: Der Businessplan ist nur eine Fingerübung

5. Tipp: Wie findet man den ersten Kunden?

 

 

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