16 Tipps für Start-ups in der High-Tech-Industrie
Folge 4

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Der Stolz eines Unternehmensgründers, in einem Monat einen hohen Auftragseingang zu verzeichnen, relativiert sich für die finanzielle Situation des Unternehmens, wenn dieser erst in 6 Monaten zu einem Umsatz führt und erst nach weiteren 2 Monaten zu einem Zahlungseingang. Inzwischen kann das Unternehmen schon illiquide geworden sein. Es gibt viele Gründe, warum Start-ups ihren Erfolg nicht über die erste Gründungseuphorie hinaus sichern können. Eine Klippe dabei ist sicher der Businessplan. Lesen Sie dazu mehr in meinem 4. Tipp für Start-ups.

 

 

4.Tipp: Der Businessplan ist nur eine Fingerübung

 

Wer glaubt, dass er mit dem Besuch eines Volkshochschulkurses „BWL für Unterneh­mensgründer“ bestens gerüstet ist, um ein Unternehmen betriebswirtschaft­lich sicher zu führen, irrt sich gewaltig. So werden dort in der Regel betriebswirtschaftli­che Grundkenntnisse von Dozenten vermittelt, die selbst noch nie Unternehmer waren, sogar häufig als Lehrer oder Uni-Dozenten nicht einmal in einem Unternehmen gearbeitet haben. Deshalb wird ein umfangreicher Standardstoff vermittelt, der für eine kaufmännische Ausbildung gut sein mag, aber einen Gründer eher auf einen Nebenkriegsschauplatz ablenkt und beschäftigt. Allerdings ist die Kennt­nis einiger grundlegender betriebswirtschaftlichen Begriffe nicht nur hilfreich, sondern unabdingbar. So muss man wissen, dass Auftragseingang nicht gleich Um­satz und erst recht nicht gleich Zahlungseingang ist. Der Stolz, in einem Monat einen hohen Auftragseingang zu verzeichnen, relativiert sich für die finanzielle Situation des Unternehmens, wenn dieser erst in 6 Monaten zu einem Umsatz führt und erst nach weiteren 2 Monaten zu einem Zahlungseingang. Inzwischen kann das Unterneh­men schon illiquide geworden sein. Man glaubt gar nicht, welche akade­misch ausgebildeten Wirtschaftswissenschaftler diese Binsenweisheiten nicht beach­ten. Auch die wichtigsten Konkursgründe sollten jedem Gründer geläufig sein. Neben der Illiquidität ist es die Überschuldung. Besonders kritisch ist es, wenn die Sozialversiche­rungsbeiträge nicht ordnungsgemäß abgeführt werden können. Hier drohen auch strafrechtliche Konsequenzen, wenn ein Konkurs verschleppt wird.

Ansonsten sollten möglichst viele administrativ-betriebswirtschaftliche Funktionen wie Buchhaltung, Beschaffung und Personalabrechnung an Dienstleister wie Steuerbe­rater outgesourced werden, damit sich das Unternehmen auf sein Leistungs­spektrum und besonders auf seine Kunden konzentrieren kann.

Auch wird in betriebswirtschaftlichen Kursen die Anfertigung eines Businessplans vor allem von der methodischen Seite vermittelt, also wie die Zeilen und Spalten aufge­baut, welche Größen einbezogen werden sollen, damit man sie hinterher in ein Spreadsheet eintragen kann.

Die Krux eines Businessplans ist aber nicht sein betriebswirtschaftlicher Aufbau, son­dern sein Inhalt.

Es müssen Zahlen für Umsatz, Mitarbeiter, Kosten und Liquiditätsbedarf über meh­rere Jahre im Voraus prognostiziert werden.

Die Kosten können wenigstens für das erste und zweite Jahr einigermaßen genau geschätzt werden, aber unheimlich wird es bei der Prognose des Umsatzes. Gründet man ein Dienstleistungsunternehmen (z. B. eine Unternehmensberatung), so kann die Anzahl der Mitarbeiter mal Beratungs-Tagessatz und Anzahl fakturierbarer Tage als Formel leicht aufgestellt werden. Unsicher ist aber, ob die geplante Anzahl Mitarbei­ter wirklich eingestellt werden kann und ob sie wie geplant ausgelastet wird, ob also genügend Kundenprojekte akquiriert werden können.

Bei einer Produktentwicklung, die vorfinanziert werden muss, sind die Entwicklungs­zeit und die Verkäufe zu prognostizieren.

Kurz und gut, man muss den Kaffeesatz lesen können. In der Regel ist dann das Ergeb­nis, dass bereits im ersten Jahr die Kosten überschritten und die Erlöse unterschrit­ten werden. Eine gute Faustregel ist, bei einem auch durch mehrere Diskussi­onsrunden abgestimmten Businessplan, die Kosten mit 1,5 und die Erlöse mit 0,5 zu multiplizieren und sich auf die sich dann ergebende Differenz des Gewinns bzw. Verlustes vorzubereiten. Diese Erfahrung gilt zumindest für die ersten ein bis zwei Jahre; dann allerdings sollte man genug Erfahrung über den Markt gesammelt haben, um die Faktoren etwas stärker der 1 anzunähern. Aber die Gefahr der Beschöni­gung bleibt. Dieses zeigt auch häufig das sogenannte Hockeystick-Phäno­men. Darunter versteht man, dass bei einer Jahresplanung die ersten Monate mode­rat geplant sind, dann aber zum Jahresende die Umsatzzahlen exponentiell anstei­gen. Nun gibt es den Fall, dass in bestimmten Branchen das letzte Quartal im Jahr besonders stark ist, weil z. B. bei vielen Kunden vorhandene Budgetreste ausgege­ben werden, aber durch Hoffnung und Wunschdenken wird dies übertrieben.

Warum sind Businesspläne so ungenau?

Ein Grund kann sein, dass die Gründer auf der Suche nach Kapitalgebern sind und deshalb die Zahlen schönen. Wenn das so ist, dann ist das zwar nicht die feine Art, Investoren ins Risiko zu locken, aber die Gründer haben wenigstens im Geheimen eine realistische Sicht.

Der Hauptgrund liegt aber m. E. darin, dass die Gründer einer Planungsillusion oder  -euphorie erliegen. In ihrer Begeisterung für ihre Gründungsidee und mit der Aussicht, bekannten Vorbildern nachzueifern, malen sie sich die Welt rosarot. Es ist ja auch so leicht, in ein Spreadsheet neue, „verbesserte“ Zahlen einzutragen und dann zu se­hen, wie sich die Erfolgsgrößen explosionsartig nach oben bewegen. Schon sieht man sich bereits nach wenigen Jahren als Millionär.

Der Effekt der Planungsillusion hat zwei Seiten.

Einmal führt er zu Enttäuschungen der Gründer und zur Lösung der finanziellen Schief­lage müssen neue Geldmittel beschafft werden und damit ändert sich häufig auch die Struktur der Anteilseigner zu Lasten der Gründer (darauf wird später noch eingegangen; vgl. Punkt 6: Vorsicht bei Geldgebern). Er kann aber auch gleich zum Exit des Unternehmens führen, wenn keine Gelder beschafft werden können.

Positiv an der Planungsillusion ist andererseits, dass dadurch überhaupt der Mut, ein Unternehmen zu gründen, geweckt oder verstärkt wird. Viele Unternehmen würden nicht gegründet, wenn man von vornherein die sich später ergebenden Zahlen in das Spreadsheet eingetragen hätte.

Die Überbetonung der Chancen gegenüber den Risiken scheint ein generelles Phäno­men zu sein und führt dazu, dass Seefahrer in unbekanntes Gewässer gese­gelt sind, um neue Kontinente (und damit Reichtum) zu entdecken oder dass von zahlenmäßig unterlegenen Armeen Kriege begonnen wurden. Wichtige Fortschritte der Menschheit sind auf diesen Effekt zurückzuführen, denn in einigen Fällen werden die Pläne schließlich auch erreicht oder sogar übertroffen und von den vielen gescheiter­ten hört und liest man weniger.

Wie kann man sich gegenüber übertriebener Planungsillusion absichern?

Ein wichtiger Weg ist, sich einen neutralen Blick von außen zu verschaffen, der den Optimismus relativiert. Wenn für den Gesamtmarkt von erfahrener Stelle ein Wachstum in Höhe von 5 % geschätzt wird, was befähigt dann das Start-up-Unternehmen dazu, ein Wachstum von z. B. 50 % zu planen? Ist die Idee wirklich so neu und einzigar­tig? Häufig will man Einwände, dass bereits größere Konkurrenten mit ähnli­chen Gedanken am Markt sind, gar nicht zur Kenntnis nehmen. Der Sparring mit erfahre­nen Branchenkennern ist ein guter Weg, den Boden unter den Füßen nicht zu verlieren.

Ein noch so schön mehrfarbig ausgedruckter Businessplan ist jedenfalls meistens nicht sein Papier und die Druckerfarbe wert.

 

Lesen Sie hier mehr zum 5. Tipp: Wie findet man den ersten Kunden?

Lesen Sie hier mehr zum 6. Tipp: Vorsicht bei Geldgebern

Lesen Sie hier mehr zum 7. Tipp: Kosten minimieren

Lesen Sie hier mehr zum 8. Tipp: Partnerschaft: Der Partner schafft

Lesen Sie hier mehr zum 9. Tipp: Den Hunger der Medien nach neuen Stories nutzen

Lesen Sie hier mehr zum 10. Tipp: Was man noch nicht weiß, muss man lernen

Lesen Sie hier mehr zum 11. Tipp: Fast Fail

Lesen Sie hier mehr zum 12. Tipp: Wer nicht wächst, stirbt.

Lesen Sie hier mehr zum 13. Tipp: Streitigkeiten schlichten

Folge 1, 2 und 3 verpasst? Ausführungen zur Zauberformel für Unternehmensgründer, dazu, wie man eine Gründungsidee findet und wie das Gründerteam aufgestellt sein sollte, lesen Sie hier:

1. Tipp: Die Zauberformel.

2. Tipp: Wie findet man eine Gründungsidee?

3. Tipp: Nobody is perfect but a team can be perfect

 

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