Industrie 4.0 = CIM reloaded? Hoffentlich nicht!

Industrie-4-01Das Internet drängt in die Fabriken – das ist die Botschaft von Industrie 4.0. Auf der CeBIT war dieses Schlagwort das beherrschende Thema. Von der Bundeskanzlerin in ihrer Eröffnungsrede am Montag bis zur Podiumsdiskussion des Branchenverbandes BITKOM am späten Freitagnachmittag wurde man nicht müde, die großen Chancen für den Wirtschaftsstandort Deutschland zu verkünden. Auf Forschungsständen in Halle 9 und diversen Branchenpodien wurden Prototypen von Fertigungsszenarien gezeigt, in denen in Losgröße 1 produziert wurde und Maschinen mit Maschinen und Materialien sowie Menschen über das Internetprotokoll kommunizierten.

Auf den ersten Blick sahen diese Fertigungssysteme nicht anders aus, als wir sie in dem CIM (Computer Integrated Manufacturing)-Center meines Forschungsinstituts an der Uni des Saarlandes bereits vor über 20 Jahren gebaut hatten. Die Grundidee, Logistik, Konstruktion und Fertigung zu integrieren, war damals bereits vorhanden. Nur gab es noch keine Vernetzungsstandards, keine hoch-performanten Datenbanksysteme und eben kein Internet, so dass die hohen Erwartungen nicht auf Anhieb erfüllt werden konnten. Aber es wurden auch Chancen ausgelassen.

So war damals Siemens der einzige IT-Anbieter in der Welt, der Kompetenz, Hard- und Software in allen drei Bereichen Logistik, Konstruktion (CAD) und Automatisierungstechnik (Steuerungen) besaß. Das Unternehmen hatte die Chance, sich weltweit als der kompetenteste IT-Ausrüster für Industriebetriebe zu positionieren, während z.B. die SAP lediglich die Logistik durch eigene Software unterstützen konnte. Leider haben aber interne organisatorische Querelen zwischen München und Erlangen oder der fehlende Blick für die Zukunft dieses verhindert. So wurde später die Logistiksoftware eingestampft und CAD-Systeme an ein mittelständisches Softwarehaus im Schwäbischen verhökert, das dann endgültig damit Pleite ging.

Auch das Forschungs- und Wirtschaftsministerium hatten damals das Potenzial von CIM für die deutsche Industrie durchaus erkannt. Neben der Förderung von rund 20 CIM-Zentren an Forschungsinstituten wurde ein großes Förderprogramm zum Einsatz von CAD- Systemen in mittelständischen Industrieunternehmen gefördert. In Karlsruhe wurde dazu ein Demonstrationszentrum mit Systemen aller großen Anbieter unterhalten und die Anwender wurden bei ihren Anschaffungen bezuschusst. Neben den großen amerikanischen Anbietern wie IBM, HP und DEC waren auch kleinere deutsche Softwarehäuser vertreten. Das Ende vom Liede war aber, dass die amerikanischen Anbieter durch ihre Vertriebspower, die enge Verbindung der Software zu ihren Workstations, den Sieg davon trugen und deutsche CAD-Software heute nahezu verschwunden ist. Dieses ist wie der Siemens-Fall eine deutsche Tragödie der IT-Industrie.

Positiv bleibt aber, dass die deutsche Industrie einen großen Technologieschub durch das CAD-Programm erhielt und zum weltweiten Erfolg dieser Branche beitrug. Für den einzelnen Industriebetrieb ist es eben egal, ob er mit CATIA von IBM (Dassaud), ME10 von HP oder SICAD von Siemens arbeitet.

Für einen deutschen Professor für Konstruktionstechnik ist aber die Zusammenarbeit mit Entwicklern von CAD-Systemen, die im Ausland tätig sind, ungleich schwieriger als mit einheimischen.

Was kann uns diese Geschichte für Industrie 4.0 lehren?

Auch jetzt sind die Bundesministerien für Forschung und Wirtschaft mit Förderprogrammen für Industrie 4.0 aktiv. Deutschland hat durchaus eine gute Forschungsposition. Auch bilden sich durch Projekte zwischen Industrie und Forschung erste Netzwerke. Ob dieses aber reicht, um auch später, wenn das Thema aus dem Prototypenstadium zum großen Geschäft wird, die Führung zu behalten, ist nicht garantiert. Es wird von Chancen für Start-up-Unternehmen in Deutschland gesprochen, aber wird das gegen die weltweiten Großanbieter reichen? Auch in den USA und in China hat man die Zeichen der Zeit erkannt.

Meine Hoffnung ist, dass aus deutschen Industrieunternehmen die Hidden Champions der häufig großen technischen IT-Abteilungen ausgegründet werden und sich aus ihren proprietären Kuschelecken zu aggressiven internationalen IT-Unternehmen mausern. Sie arbeiten dann für mehrere Kunden, werden durch sie zu mehr und schnelleren Innovationen getrieben und sie können Start-ups einen Hafen geben.

Bei der Podiumsdiskussion des BITKOM waren zwei Vertreter deutscher Industrieunternehmen und drei Vertreter der IT-Branche vertreten. Davon allerdings zwei Repräsentanten von IT-Unternehmen mit amerikanischem Headquarter. Es wäre schade, wenn genau wie bei CIM, die deutschen Industrieunternehmen durch Industrie 4.0 einen Innovationsschub erhalten würde, an den deutschen IT-Unternehmen aber das Geschäft vorbei geht!

 

Weitere Blogbeiträge zum Thema Industrie 4.0:
Die Industrierevolution 4.0 verändert Organisationen und Prozesse!
Industrie 4.0: Alter Wein in neuen Schläuchen?

nach oben scrollen - Scheer Group

Copyright ©2011 Scheer Group GmbH