„Immer weitergehen und sich weiterentwickeln“

Interview von Marion Hölczl mit August-Wilhelm Scheer anlässlich seiner neuen CD Monk, a NYC Tribute feat. Jimmy Cobb & Randy Brecker

Nach den Groovin High-CDs und -Konzerten featuring Randy Brecker sowie Ihrer intensiven Zusammenarbeit mit dem Saxofonisten Leszek Zadlo, mit CD-Aufnahme und Tournee, haben Sie Ihre jüngste CD Thelonious Monk gewidmet und mit Jazzgrößen wie Jimmy Cobb und Randy Brecker in New York aufgenommen. Wie kam es zu diesem ungewöhnlichen Projekt?

Ich hatte bereits mit allen Musikern inklusive der Jazzlegende Jimmy Cobb gelegentlich in den USA gespielt. Daraus ging dann die Idee hervor, mit diesen Musikern eine Aufnahme zu machen und insbesondere Jimmy Cobb mit seinem Lebenswerk zu würdigen. An dieser Stelle möchte ich nicht unerwähnt lassen: Jimmy Cobb wurde für seine Teilhabe an dem wohl berühmtesten Jazzalbum aller Zeiten Kind of Blue von Miles Davis mit 30 Dollar entlohnt.

Hatten Sie Ehrfurcht vor dieser Zusammenarbeit?

Und wie. Ich war ja der einzige Nicht-Profi in der Band. Die Noten für die Arrangements habe ich etwa drei Wochen vor der Aufnahme bekommen. Wir sind dann ohne Proben direkt ins Studio gegangen. Ich bin bei den zweitägigen Aufnahmen durch ein Wechselbad der Gefühle gegangen.

Was reizt Sie daran, mit Profis zusammenzuarbeiten?

Ich will nicht mit einer Rentnerband spielen. Man muss sich hohe Ziele setzen, um sie dann einigermaßen zu erreichen. Natürlich ist das eine wahnsinnige Herausforderung, mit solchen Stars zu spielen und dabei auch zu bestehen. Dieses Gefühl, es geschafft zu haben, möchte ich nicht missen. Ich will in meinem Spiel weiterkommen. Deshalb nehme ich Unterricht und übe fast täglich zwei Stunden.

Was zeichnet eine gute Band aus?

Engen persönlichen Kontakt zwischen den einzelnen Bandmitgliedern finde ich gar nicht so wichtig. Viel wichtiger ist das gleiche Verständnis in der Musik. Ein Glücksgefühl entsteht dann, wenn die Band durch ihr Zusammenspiel zu einer Einheit verschmilzt und gemeinsam Spannung, Energie und Dynamik erzeugt. Dabei ist die Rhythmusgruppe ganz wichtig. Sie muss miteinander harmonieren und aufeinander hören, um den Teppich zu bilden, auf dem der Solist spielen kann.

Was macht die Musik Monks auch heutzutage noch zu etwas Besonderem?

Monk war eine merkwürdige und skurrile Persönlichkeit. Ich habe ihn Anfang der 60er Jahre als Student live in Hamburg erlebt. Er spielte an seinem Flügel, stand dann auf und tänzelte herum wie ein Bär. Dann konnte er aber blitzschnell an seinen Platz zurückkehren und weiterspielen. Das ist meine ganz persönliche Erinnerung an ihn. Zudem habe ich viele Biografien gelesen. Er fiel in vielen Situationen im wahrsten Sinne aus der Rolle – und dann auch wieder nicht. Er war Hauspianist in Minton’s Playhouse, wo der Bebop entstanden ist. An dieser Innovation war er maßgeblich beteiligt. Von seinen Musikerkollegen wurde er trotz seiner Marotten geschätzt. Er hat eine Fülle herausragender und vielfältiger Kompositionen hinterlassen, die heutzutage auch in „modernerer“ Form spielbar sind. Für mich ist er neben Duke Ellington der wichtigste Jazzkomponist. Stücke wie Round Midnight werden auf ewig Bestand haben.

Was fasziniert Sie an Jazzmusik, die Sie Ihr Leben lang begleitet?

Ich bin mit etwa 12 Jahren zum Jazz gekommen. In den 50er Jahren war es auch Protest gegen die Elterngeneration, die den Jazz noch als „Negermusik“ bezeichnet hat. Damals war Jazz die heutige Popmusik mit einer sehr breiten Akzeptanz. Man kam an Jazz gar nicht vorbei. Jazz war ein Teil der Allgemeinbildung. Das „Jazzbuch“ von Joachim-Ernst Berendt war Standardlektüre bei den kunstbeflissenen jungen Leuten. Die großen Stars aus Amerika kamen alle nach Deutschland, sei es Louis Armstrong, Count Basie, John Coltrane, Duke Ellington, Ella Fitzgerald oder Stan Kenton. Wenn man damals die Veranstaltungskalender aufschlug, spielte Jazz eine ganz herausragende Rolle. Heutzutage ist er ja fast zu einer Minderheitenmusik bzw. exotischen Musik geworden.

Letztlich wird der Zugang zum Jazz wie durch einen Bazillus ausgelöst. Wer Count Basie hört und nicht anfängt, mit dem Fuß zu wippen, der hat vermutlich keine Chance, jemals zum Jazz zu finden (lacht). Man muss sich von der Rhythmik und der Spannung angesprochen fühlen, um einen Zugang zu finden. Meine Faszination daran auf den Punkt gebracht: Der Jazz bietet einem als Musiker die Möglichkeit, sich geistig frei wie ein Vogel in der Luft zu fühlen. Diesen Zustand zu erreichen, strebe ich immer wieder beim Spielen aufs Neue an.

Gibt es für Sie die eine herausragende Persönlichkeit im Jazz?

Miles Davis imponiert mir dadurch, dass er immer wieder Innovationszyklen angeführt hat. Das hat er auch dadurch erreicht, indem er sich ständig mit jungen Musikern umgeben hat. Durch neue Umgebungen hat er seinem Spiel immer weitere Farben gegeben. Das finde ich eine sehr wichtige Eigenschaft – nicht nur bei Künstlern, sondern bei kreativen Menschen überhaupt: Sich nicht mit einer Masche abzugeben, sondern immer weiterzugehen und sich weiterzuentwickeln.

Über Ihre August-Wilhelm Scheer Stiftung für Wissenschaft und Kunst fördern Sie auf vielfältige Weise den Jazz. Nennen Sie doch bitte einige Beispiele, und warum ist Ihnen dieses Mäzenatentum wichtig?

Kunst hat immer schon von Mäzenatentum gelebt – sei es früher durch die Kirche oder durch Fürsten. Heute ist der Staat in dieser Rolle. Angesicht der knapper werdenden Geldmittel werden künftig auch immer mehr private Unterstützer gefragt sein. Über meine Stiftung für Wissenschaft und Kunst habe ich beispielsweise je eine Millionen Euro an zwei Universitäten gestiftet und mehrere Jahre den Jazzstudiengang in Saarbrücken gefördert. Zudem unterstütze ich auch einzelne Musiker und Bands sowie Schulen.

Wie sehen Sie die aktuelle Lage des Jazz?

Einerseits gab es noch nie so viele gut ausgebildete Jazzmusiker wie heute. An vielen Schulen spielen Bigbands, die zahlreichen Workshops sind gut besucht und haben ein hohes Niveau, an den meisten Musikhochschulen finden sich Jazzstudiengänge. Auf der anderen Seite sind Jazzkonzerte meist schlecht besucht. Ich stelle auch bedauernd fest, dass selbst junge Musiker selten in Konzerte gehen und sich kaum für die Arbeit ihrer Kollegen interessieren. Jazz lebt aber genau von diesem Liveerlebnis.

In Ihrem Buch Spiele der Manager von 2010 gehen Sie in einem Kapitel der Frage nach, was Manager von einer Jazzband lernen können …

Manager müssen über Fähigkeiten verfügen, Mitarbeiter zu motivieren und zu steuern, um Ziele gemeinschaftlich zu erreichen. Dazu müssen sie andere Menschen inspirieren und begeistern können. Es gibt bereits sehr viele Management-Bücher zu diesem komplexen Thema, ohne es erschöpfend gelöst zu haben. Es kann also hilfreich sein, über den engen Tellerrand hinauszuschauen und von anderen Gebieten zu lernen, in denen ebenfalls Teamleistungen erbracht werden. Dem Jazz kommt dabei eine besondere Rolle zu, weil er eine ganz besonderes Organisationsmodell entwickelt hat. Es ist hierarchiearm und lässt den Teammitgliedern Freiheiten, um ihre Kreativität zu entfalten. Gerade in den Bereichen Forschung und der Software-Industrie, in denen ich mein berufliches Leben verbracht habe, geht es darum, kreative Menschen zusammenzubringen und eine gemeinsame Lösung eines Problems zu erreichen. Von der Organisation einer Jazzband kann man deshalb viel für diese Bereiche lernen.

Ein Gedanke zu „„Immer weitergehen und sich weiterentwickeln“

nach oben scrollen - Scheer Group

Copyright ©2017 Scheer Holding GmbH