Die Industrierevolution 4.0 verändert Organisationen und Prozesse!

Der Einsatz von IT in Industrieunternehmen war immer beispielgebend für andere Branchen. Dies liegt an der hohen Komplexität der zu bewältigenden Konstruktions-, Planungs- und Steuerungsfunktionen. Nun bahnt sich unter dem Stichwort Industrie 4.0 eine neue Entwicklung an, die vielfältige, zukunftsgerichtete IT-Konzepte nutzt. Dies sind z.B. Cloud Computing, RFID-Technologien, Big Data, mobile Systeme und intelligente Materialien, Produkte und Maschinen. Das Zusammentreffen verschiedener Technologien in Verbindung mit neuen Organisationskonzepten wird zu einer Revolution in der industriellen Fertigung führen.

Revolutionen werden normalerweise nicht von Etablierten durchgeführt, sondern von den Trägern neuer Ideen, die gerade die Etablierten stürzen wollen. Übertragen würde dieses bedeuten, dass neue industrielle Unternehmen die Platzhirsche verdrängen möchten. Die gegenwärtigen Marktführer sind deshalb aufgerufen, die neuen Ideen zu analysieren und auf ihre Durchsetzungskraft zu prüfen. Bei Industrie 4.0 verbünden sich zurzeit das Bundesministerium für Bildung und Forschung, etablierte Industrieunternehmen und die Forschung (z.B. Acatech und DFKI) mit Start-up-Unternehmen, um die neuen Ideen aufzunehmen und weiterzutreiben. Siemens hat sich etwa durch die Übernahme der kalifornischen Softwarefirma UGS verstärkt, um den Weg aus der Fabrikhalle in die virtuelle Welt zu gehen, und der Erfolg gibt dem Unternehmen Recht. Siemens entwickelte zum Beispiel die Industriesoftware NX, die dabei half, das Marsauto Curiosity digital zu entwerfen, zusammenzubauen und zu testen. Der erfolgreichen Landung auf dem Mars waren mehrere tausend virtuelle Landungen voraus gegangen.

Kennzeichen für Innovationen ist, dass mit etablierten Regeln gebrochen wird. Überkommenes wird infrage gestellt und durch völlig Neues ersetzt. Was könnte dieses bei Industrie 4.0 sein? Einige Regelbrüche und damit fundamentale Veränderungen im Product Lifecycle Management (PLM) erscheinen mir dabei besonders bemerkenswert.

So wird die traditionell starre Zuordnung von Produktionsanlagen zu Produkten künftig durch flexible Rekonfigurationsmöglichkeiten der Produktionsanlagen ersetzt werden. Werke werden nicht mehr für bestimmte Produktionstypen gebaut, sondern man stellt bestimmte Produktionstechnologien zur Verfügung, die nahezu beliebig auf unterschiedliche Produkte in kurzer Zeit umgerüstet werden können. Industriebetriebewerden so eher zu Dienstleistern, denn sie werden ihre Produktionstechnologien einem offenen Markt anbieten, der diese dann für die Produktion neuer Produkte, oder auch um Kapazitäten auszugleichen, kurzfristig nutzen kann.

Es entstehen auch neue Unternehmenstypen in Form von Maklern. Um die Verbindung zwischen der Entwicklung von Produkten und der davon getrennten Produktion möglichst effizient durchzuführen, werden diese Makler über Plattformen den Bedarf an Produktionskapazitäten und das Angebot miteinander verknüpfen. Hier bietet das Internet mit seiner offenen Struktur Möglichkeiten, auch in Verbindung mit Logistikdienstleistern, global neue Produktionsstrukturen zu eröffnen.

Autonome Produktionsanlagen in Verbindung mit intelligenten Werkstücken können zu einer weitgehenden Selbststeuerung von Produktionen führen, hierarchische Planungssysteme verlieren an Bedeutung. Wird den Werkstücken über Chip-Technologien ihr Arbeitsplan mitgegeben, so können sie sich praktisch selbstständig den Weg durch die Produktion suchen. Dieses Vorgehen setzt den bereits bestehenden Weg einer Dezentralisierung der Produktion in extremer Weise fort. Der Weg reicht von zentral gesteuerten Werkstätten und Fließbandanlagen über flexible Fertigungs- und Leitstandsysteme nun bis hinunter zu den einzelnen Produktionsanlagen.

Gegenwärtig werden die Daten zur Beschreibung von Produkten in Form von Arbeitsplänen und Stücklisten von Produktionsplanungssystemen verwaltet. Diese sind Teil der mehr betriebswirtschaftlich orientierten PPS Systeme. Da die Produktdaten aber bei der Produktentwicklung entstehen, wird durch Konzepte des PLM, bis hin zu einem den Lebenszyklus eines Produktes übergreifenden Produktgedächtnis, nun die Zuständigkeit geändert. Produktdaten sind nicht mehr Beiwerk der Planungsfunktionen, sondern eine zentrale Ressource, an die auch Planungsfunktionen angedockt werden können. Damit bahnt sich eine kleine Revolution innerhalb der IT-Systeme zur Produktionsplanung und -steuerung an.

Ich denke, allein anhand dieser wenigen Beispiele wird deutlich, dass Industrie 4.0 nicht nur eine technische Herausforderung oder nur ein IT-Problem darstellt. Industrie 4.0 ist mit weitreichenden organisatorischen Konsequenzen verbunden und eröffnet Möglichkeiten für neue Businessmodelle und neue Unternehmenskonzeptionen. Es kann also gar nicht weit genug gedacht werden, um den revolutionären Ideen zum Erfolg zu verhelfen!

 

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