„Deutsche Cloud“ – Made in USA?

Mir wird zugeschrieben, den Begriff „Deutsche Cloud“ erfunden zu haben. Jedenfalls bin ich von Vertretern ausländischer IT- Unternehmen heftig angegriffen worden und als deutschtümelnd und protektionistischer Interessen verdächtigt worden. Dabei ging es mir vor allem darum, deutsche IT-Unternehmen auf die großen Chancen und Herausforderungen dieser technologischen und organisatorischen Umwälzung aufmerksam zu machen und zu überlegen, wie sie an dem Markt partizipieren können. Insofern ist der Begriff eine Herausforderung: Was kann denn der USP, das Alleinstellungsmerkmal, einer Cloud aus Deutschland sein? Der Infrastrukturmarkt ist schon weitgehend an die großen IT-Unternehmen wie Microsoft, Amazon usw. vergeben; in ihren Server-Parks mit Millionen von Servern werden Größeneffekte der Kostendegression erzielt, die von deutschen Cloud-Anbietern (von T-Systems vielleicht abgesehen), kaum noch zu toppen sind.

Aber wie steht es mit der Sicherheit der Cloud-Lösungen? Dieses Argument wird immer genannt und als typisch deutsche Anforderung genannt. Hier haben also deutsche Anbieter, wenn sie besondere Sicherheiten für Daten und Anwendungen bieten, durchaus eine Chance. Besonders sensibel ist hierbei der US PATRIOT Act, der es US-amerikanischen Behörden erlaubt, Daten einzusehen. Hiervor haben deutsche Großunternehmen zu Recht oder Unrecht große Angst und behindern die Einführung dieser Technologie. Von den Sicherheitsbedenken wissen aber auch die Cloud-Anbieter in den USA und sie planen, für den europäischen Markt Cloud-Lösungen anzubieten, die quasi den deutschen Anforderungen genügen, d.h. die Server werden in Europa stehen und die Daten sind dem Zugriff der US-Behörden entzogen. Es gibt dann deutsche Clouds „made in US“ oder sonst wo.

Wo bleibt denn nun der Wettbewerbsvorteil für deutsche Anbieter?
Nun, es bleiben ja noch die Anwendungen selbst. Der Paradigmenwechsel durch die Cloud ist so stark, dass man nicht einfach inhouse-Lösungen in die Cloud übertragen kann. Er ändert auch nicht nur die Architektur der Software, sondern zudem Business-Modelle der Softwareanbieter und vieles mehr.
Deutschland ist stark bei betriebswirtschaftlichen Anwendungen. So gilt das Software Cluster im Südwesten Deutschlands als Europas Silicon Valley für Unternehmensanwendungen. Hier werden sich neue Märkte für Cloud-Software eröffnen; sie wird einfacher, leichter zu konfigurieren und zu skalieren sein. Ich bin gespannt, ob die an dieser Stelle deutsche start-up-Anbieter präsentieren wird, die eine Chance haben, sich auch international durchzusetzen.

Hier liegen die eigentlichen Chancen einer deutschen Cloud-Szene. Die etablierten ERP-Anbieter lassen an diesem Punkt eine Chance für Neueinsteiger. Sie haben mit ihren Altlasten der gegenwärtigen Software zu kämpfen und den neuen Markt etwas verschlafen. Fast wären sie dem bekannten Dilemma der Innovatoren verfallen, durch den Erfolg in einer Technologiewelle die nächste zu verschlafen. Aber sie wachen (noch) rechtzeitig auf. Durch die Akquisition von Cloud-basierten Softwareunternehmen für betriebswirtschaftliche Anwendungen erregen Oracle und SAP Aufsehen. Die gezahlten multiples, bezogen auf den Umsatz, von bis zum Faktor 10, zeigen, wie wichtig plötzlich dieses Gebiet wird und dass man es selbst nicht schafft. Aber leider kommen die akquirierten Unternehmen nicht aus Deutschland, sondern aus den USA. Ist also der Zug für Cloud-Anwendungssoftware in Deutschland auch bereits abgefahren? Man könnte es fast glauben. Aber: die akquirierten Unternehmen bieten nur Lösungen für kleine Anwendungsfelder an und beileibe keine ganzheitlichen ERP-Lösungen. Hier ist also noch Platz für Neueinsteiger.

Die Chancen einer deutschen Cloud liegen demnach in den Anwendungen. Neue Technologien gepaart mit neuen organisatorischen Ideen sind das Erfolgskonzept! Die von mir betreuten Unternehmen der Scheer Group arbeiten daran.

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