Endlich kommt das digitale Klassenzimmer!

Seit Jahren versuche ich auf die Politik einzuwirken, Innovation in der Bildung voranzutreiben. Im Kern der Forderungen stand immer, Lerninhalte zu digitalisieren sowie soziale Netzwerke in den Unterricht auf sinnvolle Weise zu integrieren. Interaktive Textbücher, Facebook und Twitter werden in den nächsten Jahren die Schulen, Hochschulen und Weiterbildung ohnehin von unten verändern, warum also nicht gleich diese in die Lehrpläne integrieren und den Lehrern didaktische Konzepte an die Hand geben? Bereits auf der letzten CeBIT in 2011 hat der BITKOM eine Veranstaltung zum Thema „digitales Klassenzimmer“ durchgeführt. Aber kaum ein deutscher Politiker hat sich des Themas angenommen. Ich war sicher, dass wir in Deutschland noch die Chance haben, Vorreiter zu sein.

Jetzt setzen sich die USA wieder einmal an die Spitze der Bewegung und das selbsternannte „Bildungsland“ Deutschland hinkt hinterher: Apple hat letzte Woche seine Education Strategie in New York vorgestellt und eine große Aufmerksamkeit dafür geerntet. Mit einer neuen App für das Lesen von interaktiven Textbooks (iBooks 2) sowie mit einer neuen App für kostenlose Kurse von Hochschulen und Schulen (iTunes App) wird das Lernen einfacher gemacht – vorausgesetzt man nutzt das iPad. Mit Werkzeugen für die Erstellung der Inhalte wird die Barriere für die Erzeugung guter Lehrbücher in digitaler Form gesenkt. Damit macht Apple die Türen in diesem Markt neu auf.

Schaut man sich die Lösungen genauer an, dann sieht man, dass sie auf bekannten Technologien aufsetzen. Aufgezeichnete Videos und interaktive Inhalte gibt es schon seit Jahren. Somit erscheint das Konzept von Apple im ersten Moment nicht so revolutionär. Ist es aber doch! Denn revolutionär ist die Einfachheit. Apple hat es geschafft, ein Lösungsangebot zu schaffen, das es ganz einfach macht, global auf Bildungsangebote zuzugreifen. Und neu ist auch, wie einfach diese Angebote zu erstellen sind. Zudem entsteht durch den Einstieg eines großen Marktspielers eine ganz andere Dynamik in einem Bereich, der bisher fast ausschließlich von kleinen Unternehmen bearbeitet wurde. Die USA sind uns hier mal wieder voraus – das eBook macht dort inzwischen einen Marktanteil von 50% aus, in Deutschland bewegen wir uns hier noch im unteren einstelligen Prozentbereich. Im Lehrbuchmarkt herrscht hier in Deutschland ein Oligopol von wenigen großen Lehrbuchverlagen. Hoffentlich wird dieses jetzt dadurch aufgebrochen, dass neue, junge Unternehmen die Chance bekommen, auch in diesen Markt einzusteigen. Mit der IMC AG aus meinem Netzwerk der Scheer Group gehen wir in diese Richtung und sehen viele Möglichkeiten in dem Spiel dabei zu sein.

Und die Rolle von Deutschland? Die deutschen Bildungsministerien müssen sich nun überlegen, ob sie die Bildungshoheit langfristig noch in der Form regional behalten können. Ich würde in der Zukunft den Fokus wieder mehr auf Didaktik, Innovation und Technologien in den Schulen legen, statt organisatorische Reformen mit großem Aufwand durchzusetzen, die an den Inhalten nichts ändern. Würde man das gleiche Geld in neues, gutes Lehrmaterial investieren, das Lehrern und Schülern neue Lehr- und Lernmöglichkeiten gibt und die Prozesse zwischen Schülern, Lehrern, Eltern und Nachhilfelehrern vereinfacht, dann hätte man wahrscheinlich qualitativ mehr erreicht, als durch ständiges Verändern von organisatorischen Modellen und Schulformen.

4 Gedanken zu „Endlich kommt das digitale Klassenzimmer!

  1. Es geht ja nicht darum, dass die Kinder am PC arbeiten, sondern dass die Lernmaterialien in elektronischer Form zur Verfügung stehen. Schreiben sollten sie immer noch auf Papier lernen. Von mir aus, können sie die Bücher auch in der Schule haben und zuhause mit den elektronischen Versionen arbeiten. Es geht ja nicht zwingend um das digitale Klassenzimmer, sondern um die Möglichkeit „Last von den Schultern“ zu nehmen. In der Konsequenz ist dann natürlich der PC als Medium im Klassenzimmer zu diskutieren. Wie oft kommt es vor, dass die Kiddies die Bücher in der Schule vergessen und man muss Eltern der Klassenkameraden anrufen und nachfragen. Wenn da einfach die digitale Version zur Verfügung steht wäre das eine Erleichterung die mir gefällt.

  2. Sorry, mir wärs lieber, wenn die Kids erstmal richtig schreiben lernen würden! Kinder bis ca. 14 Jahren lernen nicht für sich, sondern für eine Bezugsperson (Lehrer)! Wo bleibt aber die Beziehung und die Konsequenzen, wenn nur noch am PC gearbeitet wird? Und wo bleibt das Erlernen der Kulturtechniken? Wie schreibe ich, wenn es keinen Strom mehr gibt? Für die psychische Reifeentwicklung der Kids, ist das nix! Wobei ich den Computer nicht verteufeln will, aber er darf m.E. nur als zusätzliches Medium genutzt werden! Auch wenns altmodisch ist, ich bin für den guten alten face to face Unterricht und das sage ich als Mutter und Jahrelange Horterzieherin!

  3. Ich frage mich wie lange sich Deutschland noch gegen Innovation wehrt. Man sollte sofort starten und investieren. Unternehmen sollten die Möglichkeit haben ihre Technologien an Schulen anzubieten z.B. Sponsoring von EDV-Einrichtungen, etc. Ich bin überzeugt, dass es dafür mehr als genug Angebote gibt. Man sollte diese auch annehmen…

  4. Leider spielt hier Apple eine sehr fragwürdige Vorreiterrolle:
    Es propagiert ein propietäres Format, das nur auf iPad gelesen werden kann, behält sich vor, ob sie ein Buch für iPad überhaupt veröffentlichen und haben aus dem Buch-Editierprogramm die Möglichkeit gestrichen epub zu erzeugen.

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