Plädoyer für ein Cross-Over-Leben

A.-W. ScheerWir leben häufig in engen Schachteln. Man ist z.B. Manager, und ist es mit Haut und Haar. Man ist Künstler und lebt nur in dieser Welt. Oder man ist Universitätsprofessor und geht in der Welt der Fußnoten auf. Um nicht betriebsblind zu sein ist es aber wichtig, auch andere Perspektiven als die der eigenen Box zu nutzen. Nur dann erhält man ein umfassendes Lebensbild.

Für mich war es ein Glücksfall, 30 Jahre als Universitätsprofessor, ebenso lange als Unternehmer in der Business-Welt, drei Dekaden als Musiker im Kunstbereich und zehn Jahre als Politikberater und Bitkom-Präsident gelebt zu haben. Diese verschiedenen Rollen habe ich nie als Problem empfunden. Sie haben meines Erachtens eine gemeinsame Wurzel. Josef Schumpeter definiert den Unternehmer als den kreativen Zerstörer, der durch neue Produktideen die bestehenden drastisch verdrängen will. Wenn Gottlieb Daimler der Meinung gewesen wäre, dass das Pferd das beste Fortbewegungsmittel sei, hätte er das Auto nicht erfunden. Schließlich haben Pferde Jahrtausende brav ihre Pflicht für den Menschen getan.

Albert Einstein hat die Physik revolutioniert. Er war mit den Gesetzen Newtons nicht zufrieden und hat sie durch seine Relativitätstheorie ergänzt.

Wir spielen heute keine Musik mehr wie im 15. Jahrhundert, sondern jeder Komponist versucht, harmonische und melodische Strukturen weiterzuentwickeln. Insofern ist das Streben, das Bestehende in Frage zu stellen, Fehler zu suchen und durch neue (verbesserte) Ideen zu ersetzen, im Unternehmertum, in der Forschung und in der Kunst gleichermaßen vorhanden. Daher überrascht es mich auch nicht, dass sich plötzlich ein Verkehrsminister als Pianist outet, der Präsident der Technischen Universität München sich als Organist betätigt, dass Forscher Unternehmen gründen und Unternehmer als Honorarprofessoren ihre Erfahrung der Wissenschaft zur Verfügung stellen. Dieses Cross-Over-Denken war vor 20 Jahren noch ungewöhnlich, ja zum Teil verpönt. Heute hat sich aus dieser zarten Pflanze ein ansehnlicher Strauch entwickelt – hoffen wir, dass daraus ein starker Baum wird.

Ich bin überzeugt davon, dass durch die Vermischung von Disziplinen, von unterschiedlichen Erfahrungen, Lebensläufen und Weltbildern mehr Kreativität und Innovation entstehen als durch das immer tiefere autistische Bohren in der eigenen Disziplin oder Schublade. Dort in der Tiefe läuft man Gefahr, sich in vielfachen Verästelungen zu verlieren und dabei letztlich nur unwichtige Dinge zu finden!

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